NABU-Ehrenamtliche retten über 10.000 Kröten, Frösche und Molche

  • NABU fordert dauerhafte Leitsysteme zum Schutz von Amphibien
Artikel bewerten
(0 Stimmen)
Geretteter Grasfrosch Geretteter Grasfrosch Foto: NABU/N. Schiworra
Blankenese (13. Mai 2020, PM) · Im Frühjahr wandert die Mehrzahl unserer heimischen Amphibien zu ihren Laichgewässern. Die Wanderung beginnt, sobald die Witterung nachts feucht und mild ist. Meistens müssen die Molche, Kröten und Frösche dabei Straßen überqueren und verenden leider unter Auto- oder Fahrradreifen. Seit Jahrzehnten werden deshalb ehrenamtlich zur Wanderzeit mobile Zäune errichtet und jeder Lurch einzeln über die Straße getragen. So betreuten auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Ehrenamtliche des NABU Hamburg an 14 Straßenabschnitten in Hamburg und Umland Amphibienzäune und retteten damit über 10.000 Tieren das Leben.
Die Wandersaison war in diesem Jahr in vielfacher Hinsicht besonders: Bereits Anfang Februar regten sich die ersten Kröten und Molche, so früh wie selten zuvor. Die Ehrenamtlichen mussten also schon früh im Jahr die Zäune für die Amphibien errichten. Abwechselnd mildes und kaltes Wetter führten zu einer sehr langen Wanderperiode der Amphibien. So waren die Zäune bis zu 64 Tage lang aufgestellt, ein sehr zeitaufwendiger ehrenamtlicher Einsatz mit täglichen Eimerkontrollen, morgens und abends. Die meisten Tiere wanderten Anfang bis Mitte März. Gleichzeitig begannen die Beschränkungen im Zuge der Corona-Ausbreitung und es war einige Zeit unklar, wie unter der Kontaktsperre die ehrenamtliche Arbeit durchgeführt werden kann. Lediglich drei der 14 Amphibienzäune wurden als Vorsichtsmaßnahme frühzeitig abgebaut. Alle anderen konnten bis zum Ende der Wanderung kurz nach Ostern trotzdem weiter betreut werden.

Bilanz der Amphibienwanderung 2020
Seit 2019 gibt der NABU Hamburg eine Bilanz zur Amphibienwanderung heraus. Gegenüber dem Vorjahr ist die Gesamtzahl der geretteten Amphibien mit 10.043 Individuen ähnlich hoch (2019: 10.156). Die Bilanz für 2020 sieht im Detail wie folgt aus:
8765 Erdkröten (2019: 9302)
1084 Frösche (2019: 684)
194 Molche (2019: 170)

Damit hat sich der Anteil der Erdkröten verringert (87% gegenüber 92% in 2019) und gleichzeitig der Anteil der Frösche (hauptsächlich Grasfrösche) erhöht (11% gegenüber 7% in 2019).

„Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme, dennoch stimmt uns diese Tendenz nachdenklich“, erklärt Anne Ostwald Artenschutzreferentin beim NABU Hamburg. „Die Anzahl der Zäune und Zaunmeter variiert von Jahr zu Jahr leicht. In dieser Saison konnten wir zwar mehr Zäune auswerten, dennoch zeigt die Bilanz keine größere Anzahl an Amphibien. Viele NABU-Aktive berichten darüber hinaus von deutlichen Rückgängen an den betreuten Zäunen in den letzten Jahren. Wo ehemals Tausende Kröten wanderten, sind es wie z.B. in Norderstedt nur noch Hunderte.“

Die Ursachen für einen Bestandsrückgang, nicht nur bei der Erdkröte, sind vielfältig: Nitratbelastung, Pestizideinsatz, Überbauung, Zerstörung und Fragmentierung von Lebensräumen und das Trockenfallen der Laichgewässer. "Dass sogar die relativ anspruchslose Erdkröte einen abnehmenden Trend zeigt, stimmt sehr nachdenklich. Bereits in den letzten zwei Jahren (2018/2019) war es in Hamburg viel zu trocken, so dass schon im Frühling und Frühsommer viele Kleingewässer ausgetrocknet waren." erklärt Ostwald. Fatal für alle Wasserorganismen und damit auch für die heranwachsende nächste Amphibiengeneration. Auch dieser April war von extremer Trockenheit geprägt, ein Alarmsignal im Zuge des Klimawandels. Es ist davon auszugehen, dass die negativen Einflüsse auf Molche, Frösche und Kröten zukünftig zunehmen werden.

Deshalb fordert der NABU Hamburg von den Bezirken mehr Maßnahmen zum Schutz der Amphibienpopulationen. Es braucht dauerhafte Lösungen an den Straßen der Hauptwanderrouten. Denn, was kaum jemand weiß: Im Sommer beginnt die Rückwanderung der kleinen Amphibien zu ihren Sommer- und Winterlebensräumen in Wäldern und Wiesen. Im Gegensatz zur Frühjahrswanderung hüpfen und kriechen die Tiere einzeln zurück, oft über einen mehrmonatigen Zeitraum. Zu den erwachsenen Tieren gesellen sich dann auch die Jungtiere, die aus den Laichgebieten in die normalen Lebensräume wandern. Die Anzahl der gefährdeten Tiere ist bei der Sommer- und Herbstwanderung also ungleich höher.

Es ist jedoch über ehrenamtliche Arbeit nicht zu leisten, die Wanderungen der Amphibien über einen so langen Zeitraum zu begleiten. Der NABU Hamburg fordert deshalb mehr feste Amphibienleitsysteme an den Wanderstrecken zu bauen, z.B. in Form von Tunneln unter den betroffenen Straßen. So können ganzjährig Kröten, Fröschen und Molchen vor dem sinnlosen Überfahren durch den Verkehr gerettet werden.

Hintergrund: Alle in Deutschland wildlebenden Amphibienarten gehören zu den besonders geschützten Arten. In Hamburg kommen 14 Amphibienarten vor, von denen 10 zusätzlich dem Schutzregime der sogenannten Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union unterliegen. Das bedeutet, dass es eine Verpflichtung für die Stadt Hamburg gibt, diese Arten in einen sogenannten „günstigen Erhaltungszustand“ zu bringen. Dennoch ist in Hamburg derzeit außer dem Kammmolch keine Art in einem günstigen Zustand. Besorgniserregend ist, das ehemals häufige Arten, wie die Erdkröte und der Grasfrosch mittlerweile in Hamburg in der Roten Liste für gefährdete Arten geführt werden (Erdkröte „Vorwarnliste“ und Grasfrosch „Gefährdet“).

Foto: NABU/N. Schiworra
Letzte Änderung am Mittwoch, 13 Mai 2020 11:57
Skyscraper Thode
Hier Leser-Brief abonnieren
Abonnieren Sie unsere wöchentlichen Elbvororte-News hier:

Bitte JavaScript aktivieren, um das Formular zu senden