Integration der Flüchtlinge: Stadtteile einbinden

Ghettobildung? Der ehemalige BAHR-Baumarkt in Osdorf Ghettobildung? Der ehemalige BAHR-Baumarkt in Osdorf Foto: Wiegand

Elbvororte/Rissen (19.11.2015, Harris Tiddens) · Die Zuweisung der Flüchtlinge auf die jeweilige Stadtteile ist in Hamburg nicht transparent geregelt. Das braucht nicht so zu sein. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen wendet ein transparentes Verteilungsverfahren für ihre Städte und Gemeinden an. Ein hierauf aufsetzender, überparteilich festgelegter Verteilungsschlüssel mit den 104 Stadteile als Ziel würde in Hamburg nicht nur sehr viel Ärger vermeiden, sondern die Chancen der jetzigen Herausforderung viel besser nutzen.

Mit der Senatsdrucksache „Flüchtlingsunterkünfte mit der Perspektive Wohnen“ sollen 20.000 anerkannte Flüchtlinge auf die Bezirke verteilt werden. Die Bezirke wurden veranlasst, jeweils acht Hektar Bauland zu bestimmen, um die Menschen unterzubringen. Dieses Verfahren mag auf dem Schreibtisch relativ leicht zu erstellen gewesen sein, in der Umsetzung wird es wegen des Widerstandes in der Bevölkerung nicht nur sehr schwer umzusetzen sein, sondern zusätzlich auch folgenschwer. Die jetzige Verteilung nach “Bezirken und Fläche” lässt viel zu große Flüchtlings- Konzentrationen mit entsprechenden Schwierigkeiten entstehen. Solche einförmigen Wohngebiete könnten schlimmer als eine Wiederholung der Irrtümer der sechziger und siebziger Jahre, wie Osdorfer Born, Steilshoop, Mümmelmansberg usw. werden. Die Integrationsherausforderung der so stark unterschiedlichen Kulturen der Flüchtlinge würde die dort schon bekannten Probleme noch einmal vergrößern.

Ehrenamtlich aktive Bürger sind ein wesentlicher Erfolgsfaktor bei der Aufnahme und Integration von Flüchtlingen in unsere Gesellschaft. Diese Zahl von Ehrenamtlichen ist jedoch begrenzt. Viele Untersuchungen weisen darauf hin, dass in Deutschland grob ein Drittel der Bürger dauerhaft ehrenamtlich aktiv ist. Dies schwankt ein wenig, ist in den Städten niedriger als auf dem Lande.
Aber, so lehrt die Erfahrung, irgendwie ist dieses Drittel im Durchschnitt die Obergrenze. Die Zeit eines jeden für ein Ehrenamt ist zudem natürlich begrenzt und deshalb sollten die Fahrtwege nicht zu lang sein. Es wird daher ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Integration sein, die Flüchtlinge, die ein Bleiberecht bekommen, über die Stadtteile verteilt nah an die ehrenamtlich tätigen Bürger unterzubringen. Es wird dann noch immer eine enorme Herausforderung sein. Die Behörden der Hansestadt und der Bezirke werden stärker Koordinationsmechanismen dezentralisieren müssen, um diese ehrenamtliche Arbeit hauptamtlich unterstützen zu können.

Die Bürger sind emotionale und intuitive Experten ihrer Stadtteile. Sie werden dort mit der Unterstützung der notwendigen Stadtteilmanager und ihren Stäben individuelle Lösungen entwickeln. Damit können die Stadtteile von einander lernen und sich gegenseitig durch einen freundschaftlichen Wettbewerb zu höheren Leistungen bringen. Solche individuelle Lösungen sind in diesem Bereich durchaus möglich, ohne gegen die  „Einheitsgemeinde“ zu verstoßen. Wenn aber die Flüchtlinge in großen Konzentrationen in isolierten Ghetto-ähnlichen Situationen untergebracht werden, werden die Betreuungsanstrengungen nicht nur exponentiell größer, sondern zeitlich auch entsprechen länger sein.

Verteilungsschluessel
Diese Tabelle zeigt einen Verteilungsschlüssel, der sich auf das betreffende NRW Gesetz (NRW: Flüchtlingsaufnahmegesetz - FlüAG) stützt. Es wird beispielhaft für den Bezirk Altona angewandt. Die Flüchtlinge werden wie in NRW, nach einem Verteilungsschlüssel, der sich zu 90% auf die Bevölkerungsgröße und zu 10% auf die Flächengröße der jeweiligen Stadtteile richtet, auf die Stadtteile verteilt. Das soll nur ein Beispiel sein, es sind natürlich noch zusätzliche Parameter möglich und vielleicht auch nötig. Vielleicht sollte die Kapitalkraft der Stadtteile auch zum Teil mit berücksichtigt werden. Die folgende Tabelle stellt nur die anerkannten Flüchtlinge dar. Selbstverständlich sollten die Erstflüchtlinge, die zum Beispiel Stadtteile wie Bahrenfeld beheimaten, für diese entsprechend mit berücksichtigt werden.

* Die Zahlen sind jeweils für 31.12.2013 und stützen sich auf die Angaben der “Hamburger Stadtteil-Profile 2014 NORD.regional Band 16
** Aus der Senatsdrucksache 2015/1960 ist die genaue Aufteilung auf die Bezirke nicht ersichtlich. Die Senat nennt eine Zahl von 20.000 anerkannte Flüchtlinge für die die Bezirke zusätzliche Unterkünfte bauen sollen. Das wären rechnerisch 2.857 pro Bezirk. Für Altona sind hier sicherheitshalbe eine geschätzte 1.000 Flüchtlingen dazu genommen, die geschätzt jetzt schon eine Anerkennung erreicht haben. Aufgerundet machen das 4.000 die hier als eine beispielhafte Größe genannt werden.

Genau so wichtig wie diese Parameter ist, dass der Verteilungsschlüssel überparteilich festgelegt wird. Das wird die Akzeptanz in der Bevölkerung um ein mehrfaches erhöhen. Diese Verfahren mit jeweils kleineren Flüchtlingszahlen wird zugleich für die jeweilige Stadtteile viel leichter zu verkraften sein. Die enorme Bereitschaft zu helfen zeigt zurzeit, welch ein Potential hier vorhanden ist. Ein Potential, das durch das sich Zurückziehen von Verwaltung und Politik auf Bezirks- und Hansestadt-Ebene brach zu liegen droht und – wenn es nicht koordiniert wird – leicht zu einem Wutbürgertum kippen kann.

Zusätzlich zum Hamburger Verteilungsschlüssel sollte pro anerkanntem Flüchtling ein Budget für die Kosten der Unterbringung sowie für die Kosten der Integration pro Jahr bestimmt werden. Hieraus wird dann nach der Anzahl der zugeteilten Flüchtlinge ein Flüchtlingsbudget pro Stadtteil entstehen. Bürger und Stadtteilmanager können zusammen mit dem Bezirk einen entsprechenden Integrationsplan für ihren Stadtteil aufstellen. Dem Bezirk obliegt es zu überwachen, unterstützen und zu koordinieren, die operationelle Arbeit sollte hingegen weitgehend in den Stadtteilen selbst liegen. Dieses Verfahren wird unter dem Strich nicht nur insgesamt schneller und preiswerter sein. Es wird für die Stadtteile maßgeschneiderte Lösungen ermöglichen, die eine breite Unterstützung erfahren werden.

Diese Vorschläge stammen im Kern aus dem Projektmanagement. Dort ist es eine bewährte Erfahrung, dass ein sorgfältiges Anforderungsmanagement zwar nervig ist und lange dauert, dafür aber sowohl in der Umsetzung weitaus schneller ist als auch unter dem Strich weitaus bessere Resultate bringt. Die Elbphilharmonie lässt grüßen.

Die hier vorgeschlagene Vorgehensweise ist erscheint zwar zunächst aufwendiger, sie wird aber ein leichtes Unterfangen sein verglichen mit den Schwierigkeiten, die in der Folge des jetzigen Konzepts entstehen. Die leichte Dezentralisierung der Verwaltung auf die Stadtteile ist ohnehin notwendig, um die enormen Herausforderungen zu meistern, die weiter auf uns zurollen. Wir müssen z.B. in den Stadtteilen mit den Bürgern weitere Emissionsveringerungsmaßnahmen angehen, um Klima-freundliches Wohnen zu fördern. Wir wollen schließlich nicht, dass es zusätzlich zu den jetzigen Flüchtlingsströmen auch noch Klimaflüchtlinge geben wird.

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Über den Autor:

Harris C. M. Tiddens ist Publizist und Experte für lernende Organisationen. Der niederländische Sinologe arbeitete als Finanz-Korrespondent und war Mitglied der Führungsebene eines großen deutschen DAX-Unternehmens. In 2014 erschien beim oekom verlag sein Buch über die missachtete Rolle von Stadtteilen in Großstädte. Heute ist der Niederländer Projektleiter für den Auf- und Ausbau der Zukunftsforum Blankenese e.V. sowie einer der Sprecher der Rissener Runde.

Lesenswert:
Harris C.M. Tiddens
»Wurzeln für die lebende Stadt«
Wie wir die Eigenverantwortung von Stadtteilen stärken können und warum diese mehr Wertschätzung verdienen

oekom verlag, München 2014 232 Seiten, Broschur, 29,95 EUR
ISBN 978-3-86581-468-5

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