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Bedeutung von Auslandseinsätzen wird steigen

Geschäftsführender Vorstand des Haus Rissen: Dr. Philipp-Christian Wachs
Geschäftsführender Vorstand des Haus Rissen: Dr. Philipp-Christian Wachs Foto: Ausserhofer
Rissen (23.11.2017, Markus Krohn) · Politische und wirtschaftliche Bildung sind sein Metier: Dr. Philipp-Christian Wachs leitet seit 2008 das Haus Rissen als Direktor. Seitdem ist an der Rissener Landstraße einiges passiert und das Institut ist unter seiner Leitung zukunftsfest geworden. Im Herbst ist auch das neue Gästehaus des Haus Rissen mit 47 Zimmern endlich fertig.

Auch die Bundesrepublik steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Nicht nur innenpolitisch wird sich nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche für eine „Jamaika-Koalition“ einiges verändern, national wie lokal, auch die internationalen Herausforderungen lassen sich nicht immer nur diplomatisch lösen. Das jedenfalls meint Dr. Wachs im Interview mit Dorf Stadt-Redakteur Markus Krohn (Das Interview entstand vor dem Wochenende!).

DorfStadt: Was wird laut Ihrer Erfahrung der größte Knackpunkt am Koalitionsvertrag der sogenannten Jamaica-Koalition?
Dr. Wachs: Eine intelligente Verknüpfung der Flüchtlingsfrage mit einer Einwanderungsgesetzgebung und einer Begrenzung der Flüchtlingszahlen. Hier gilt es vor allem, die Ideen und Vorstellungen linksbürgerlicher, städtischer Eliten auf Seiten der Grünen, die durchaus einen romantischen Grundzug haben, mit den Erfahrungen der Union (und der Mehrzahl der Wahlberechtigten) seit September 2015 in Einklang zu bringen. Gerade die Haltung der CSU wird auch bestimmt durch die extreme Erfahrung temporären Staatsversagens, nicht nur in einem Bundesland wie Bayern, dass seit September 2015 zeitweilig von Flüchtlingen überrannt wurde. Ich bin sehr gespannt auf eine Lösung, die diese beiden Extrempositionen unter einen Hut bringt.

Wie verändert sich Deutschland durch eine Regierungsbeteiligung der Grünen und der FDP?
Zum ersten Mal seit fast einer Generation würde Deutschland mit einer Jamaica-Koalition durch eine Formation regiert, die man als Modernisierungsbündnis des Bürgertums bezeichnen könnte. Die Partner lieben sich nicht, haben aber das Zeug dazu, dem Land gemeinsam einen Modernisierungsschub zu geben. Bei allen Schwierigkeiten kann hier eine Koalition entstehen, die in ihrem bürgerlichen Gestaltungswillen interessante Erfolge zeigen könnte.
Diese Konstellation täte auch dem Parlamentarismus gut, denn mit einer Opposition unter der Führung der SPD als ältester Volkspartei und zwei extremen Parteien (Linke, AfD) wird auch der Bundestag wieder zu einem Ort des konstruktiven, mitunter auch heftigen Streites werden. Nach den Jahren der großen Koalition mit am Ende zwei sozialdemokratisierten Volksparteien, sind diese beiden Effekte positiv, wenn sie sich einstellen.

Wie kann sich die SPD in der Opposition erneuern?
Die SPD als älteste deutsche Volkspartei wird sich in der Opposition in Teilen neu erfinden müssen, um Volkspartei zu bleiben. Die Jahre innerhalb der großen Koalition haben gezeigt, dass auch bei überzeugendem Personal und, gerade in der letzten Legislaturperiode, auch in sozialdemokratischer Politik wie der Rente mit 63 oder dem Mindestlohn, die Partei am Ende bei gut 20 % gelandet ist. Bei dieser Neuerfindung kann ich mir eine stärkere Integration nach links, um die Wähler der Linkspartei zurück zu gewinnen, ebenso vorstellen wie eine Neuauflage einer „Agenda 2030“, um die  SPD wie einst mit der Agenda 2010 in Richtung gesellschaftlicher Mitte zu positionieren, ohne die Stammwähler zu verlieren. In jedem Fall wünscht man der SPD eine schnelle Erholung, da sie als maßgebliche demokratische Kraft unverzichtbar ist.

Wie glauben Sie, dass sich die AfD in der Opposition präsentieren wird?
Die AfD wird Teil einer streitbaren Opposition sein, die sicherlich thematisch und verbal häufiger (und kalkuliert) die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten wird. Für eine aktive und streitbare Auseinandersetzung mit der AfD und ihrem Gedankengut ist es wichtig, dass das Parlament wieder der Ort wird, wo intensiv über die besten Ideen gerungen wird. Ich persönlich sehe einen Streit über die extremen Strömungen der AfD mit ihrem völkischen Sound der dreißiger Jahre lieber offen im Parlament als verdeckt in den Echokammern des Internets.
Was die Sacharbeit anbelangt, bleibt abzuwarten, ob die AfD im Bund den Weg vieler rechter und rechtspopulistischer Parteien in den Landesparlamenten nimmt. Dort haben diese Kräfte häufig ihre Unfähigkeit und ihren Unwillen zu konstruktiver Sacharbeit bewiesen, und sind somit auch immer wieder in der Versenkung verschwunden.

Welche Auswirkung wird eine solche Koalition auf Hamburg und den Bezirk Altona haben?
Dies lässt sich noch nicht absehen. Etliche bekannte Themen der Jamaica-Koalition haben ja zunächst eine bundespolitische Auswirkung und landen erst im zweiten Schritt auf der Landes- und der Kommunalebene. Somit muss man abwarten, bis eine neue Regierung tatsächlich im Amt ist.

Sie sind ja häufig mit der Bundeswehr im Gespräch: Können Sie sagen, wie die Bundeswehr-Offiziere die Krisen der Welt betrachten?
Bundeswehr-Offiziere als Staatsbürger in Uniform betrachten diese Krisen wie alle anderen Staatsbürger auch: Mit Sorge, verbunden mit der Überlegung, welche damit verbundenen Aufträge eine verantwortungsvolle Politik ihnen übertragen wird.

Wird Deutschlands Außenpolitik / die Einsätze der Bundeswehr in Zukunft mehr an Bedeutung gewinnen?
Definitiv. Zu den Grundsätzen der deutschen Außenpolitik gehört ja nicht nur die multilaterale Einbettung aller Bemühungen in enge Abstimmungsmechanismen mit den jeweiligen Partnern. Sondern bei Einsätzen der Bundeswehr der Einsatz im Rahmen eines UN-Mandates und im engen Schulterschluss mit den Partnern in NATO und EU. Je mehr also die westliche Wertegemeinschaft, die NATO und die EU gemeinsam herausgefordert werden, desto wichtiger ist auch die Bedeutung für Deutschlands Außenpolitik und die damit verbundenen Einsätze der Bundeswehr.

Das HAUS RISSEN baut immer noch. Wann ist der Erneuerungsprozess Ihres Institutes abgeschlossen?
Der inhaltliche Erneuerungsprozess ist in einem innovativen Fortbildungsunternehmen niemals abgeschossen. Baulich haben wir 2014 unser Institutsgebäude saniert und umgebaut, 2016 unseren neuen Konferenzanbau mit zwei Sälen eingeweiht, und im Herbst 2018 folgt die Eröffnung unseres neuen Gästehauses mit 47 Zimmern und einem weiteren Konferenzraum. Damit wird unsere eigene Bautätigkeit dann abgeschlossen sein. Auf die anderen Baustellen rund um unseren Campus, die nicht unsere sind, haben wir keinen weiteren Einfluss.

Welche inhaltlichen Veränderungen gab und gibt es?
Im Bereich der Erwachsenenbildung sind wir heute, anders als früher, längst deutschlandweit tätig, um z.B. Kontingente der deutschen und amerikanischen Streitkräfte politisch und interkulturell vorzubereiten auf ihre Auslandseinsätze von Osteuropa über Afghanistan und Nordirak bis hin nach Mali. Dabei kommt die ganze Bandbreite geopolitisch relevanter Themen zum Einsatz.
Im Bereich der Jugendbildung arbeiten wir mit einer großen Zahl Hamburger und norddeutscher Schulen in dem Fächerbereich Politik/Gesellschaft/ Wirtschaft zusammen. Sogar Schulen aus Nordrhein-Westfalen gehören inzwischen zu unseren Stammkunden. Wir unterstützen die jeweiligen Schulprofile und die im Lehrplan vorgesehenen Themen mit interaktiven Zusatzangeboten wie Planspielen, Debattierakademien, Rollenspielen und anderen interaktiven Seminarformaten. Ein Schwerpunkt beim Gewinnen neuer Kooperationspartner liegt dabei seit 2010 auf den neu entstandenen Stadtteilschulen. Mit vielen von ihnen haben wir mittlerweile eine schon langjährige fruchtbare Entwicklungszusammenarbeit. Uns macht es dabei besondere Freude, mit unserer Bildungsexpertise Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und dem Bildungsstand der Elternhäuser auch komplexe geopolitische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragen nahe zu bringen.

Gibt es Zukunftspläne?
Unser neues Gästehaus mit 47 Zimmern werden wir ab Herbst 2018 nicht nur selbst nutzen, sondern freie Kapazitäten auch an externe Übernachtungsgäste aus den Elbvororten vermieten, da es hier immer wieder Engpässe bei Hotelzimmern gibt. Ansonsten gilt: Lassen Sie sich überraschen!

Haus Rissen
Rissener Landstraße 193
Tel.: 8 19 07-0
www.hausrissen.org

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