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Der (sinnlose?) Kampf um engagierte Mitglieder

Die Umgestaltung der Waitzstraße und des Waitzplatzes kommt u.a. auf Initiative des Bürgervereins zustande, dem Ann-Kathrin Martiensen vorsteht.
Die Umgestaltung der Waitzstraße und des Waitzplatzes kommt u.a. auf Initiative des Bürgervereins zustande, dem Ann-Kathrin Martiensen vorsteht. Foto: Markus Krohn
Othmarschen (12.10.2017, Markus Krohn) · Haben Vereine als Organisationsform in der Gesellschaft ausgedient? Sind Sportvereine beispielsweise nur noch Dienstleister? Glaubensgemeinschaften wie Kirchengemeinden Auslaufmodelle? Und Bürgervereine gar überflüssig?
Verein stammt etymologisch aus vereinen, „eins werden“ oder etwas „zusammenbringen“ und bezeichnet eine Gemeinschaft von Menschen, die etwas dauerhaft verbindet. Das hat viele Jahrzehnte lang in unserer Gesellschaft gut funktioniert. Gemeinsam wurde trainiert, debattiert, gesungen, gestritten und gespielt. Nebenbei wurden (Stadtteil-)feste organisiert und die Kinder bespaßt. Zunehmend melden Vereine und Kirchengemeinden jedoch Rückgänge bei den Mitgliederzahlen. Jetzt schlägt die Vorsitzende des Bürgervereins Flottbek-Othmarschen Alarm: Dem Verein fehlen mindestens 54 Mitglieder, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Wie es gelingen soll, bis zur Vorstandswahl im April diese Anzahl an Mitgliedern zu gewinnen, ist selbst der engagierten Immobilienmaklerin schleierhaft. Zahlreiche Aufrufe und Aktionen des Vorstands verhallten. Jetzt soll ein letzer Versuch gestartet werden.
Es gibt heute allerdings immer weniger Menschen, die sich dauerhaft binden wollen und daher eine Vereinsmitgliedschaft oder gar ein Engagement über die Mitgliedschaft hinaus scheuen. Dabei spricht doch eigentlich nichts dagegen, sich auch kurzfristig für eine Sache zu engagieren, die einem zu einem bestimmten Zeitpunkt oder länger am Herzen liegt.

Die Vorsitzende des Bürgervereins Flottbek-Othmarschen hat in einem dramatischen Appell an ihre Mitglieder und Mitbürger in Groß Flottbek und Othmarschen mehr Engagement im eigenen Verein für die Stadtteile um die Waitzstraße und den Jenischpark gefordert. „Wenn Ihnen also daran gelegen ist, dass dieser Verein weiterhin besteht und im Jahr 2018 sein 70-jähriges Jubiläum feiern kann, melden Sie sich unbedingt bei mir“, schreibt Ann-Katrin Martiensen im Vorwort zur Oktober-Ausgabe des Vereinsmagazins. Hintergrund ist die stetig schrumpfende Mitgliederanzahl im Verein und die schwindende Bereitschaft der vorhandenen Mitglieder, im Verein mitzuarbeiten. Im April kommenden Jahres wird ein neuer Vorstand gewählt. Nur ein Vorstandsmitglied will sich bisher zur Wiederwahl stellen. Auch die Vorsitzende selbst will aus persönlichen Gründen nicht mehr antreten.

DorfStadt-Zeitung: Welche Maßnahmen haben Sie denn bisher unternommen, um neue Mitglieder zu werben?
Ann-Katrin Martiensen: Wir haben mit Prämien gelockt, wenn Mitglieder Mitglieder werben. Ich habe im Blatt tausendmal darum gebeten, dass Mitglieder Mitglieder werben. Ich habe in jedem Vortrag und in jeder Rede, die ich gehalten habe, um neue Mitglieder geworben und den dramatischen finanziellen Zustand erläutert, wenn wir zu wenig Mitglieder haben. Wir haben Feste organisiert (Oktoberfest, Sommerfest, das Stadtteilfest ist ja nun leider ins Wasser gefallen...), um Menschen davon zu überzeugen, dass der BVFO alles andere als ein dröger, altbackener Verein ist! Wir haben auf dem Waitzplatz, bei Flohmärkten und in Gemeinderäumen der Kirchen regelmäßig unseren Stand aufgebaut, waren bei jedem Lichterfest dabei, haben uns den Mund fusselig geredet und - tatsächlich - auch Mitglieder geworben! Aber leider kommen wir gegen die Anzahl der Mitglieder, die den Verein verlässt, meist aus natürlichen Gründen, nicht gegen an... Wir können nur mit 530 Mitgliedern eine schwarze Null schreiben, im Moment sind wir 476...
Und da sich aus dem existierenden Vorstand, der aktuell aus 8 Mitgliedern besteht, nur noch 1,5 bei der nächsten Wahl wieder aufstellen lassen (eine(r) ist sich noch nicht ganz sicher), sieht es mit dem Nachwuchs nicht gut aus... Wir haben Gespräche mit Interessierten, ja - aber ich weiß nicht, ob wir einen funktionstüchtigen Vorstand, der dann auch gewählt wird, bis April auf die Beine kriegen!

Warum könnte es für junge Menschen/Familien unattraktiv sein, dem Bürgerverein anzugehören?
Der Bürgerverein ist in vielen Köpfen etwas Veraltetes, Verstaubtes, etwas, das keiner mehr braucht. Einige sehen uns als Heimatverein, andere als Bespaßungsverein für Senioren. Dass wir so viel mehr sind, ist vielen, vor allem jungen Menschen, nicht bewusst. Wir sind u.a. der Klebstoff zwischen Bürgern und Politik. Wir sind zwar überparteilich, aber nicht unpolitisch. Daher sind wir auch für kommunale Themen offen. Mit uns ist auch mal der kleine Dienstweg möglich, da wir wunderbare Verbindungen ins Bezirksamt Altona haben. Wir setzen uns für Bürger ein, die allein keine Chance hätten, sich Gehör zu verschaffen.

Warum sollte denn überhaupt jemand Mitglied im Bürgerverein Othmarschen-Groß Flottbek werden?
Weil diese besondere Mischung aus Archiv, Sozialwerk und Bürgerverein nicht sterben darf. Wir sind die Bewahrer der Geschichte von Othmarschen und Groß Flottbek, die Gestalter der Zukunft im Namen der Bürger dieser beiden Stadtteile und die Helfer der sozial Schwachen, die es tatsächlich auch in diesen beiden „betuchten“ Stadtteilen gibt. Und zwar nicht wenige!
Wir brauchen neue Mitglieder, die Lust haben, aktiv zu werden. Der Arbeitskreis Kultur z.B. hat momentan keinen Leiter/keine Leiterin. Sonst hätten wir noch viel mehr tolle Ausfahrten, unterhaltsame Ausflüge, spannende Vorträge, attraktive Aktivitäten, etc.
Wir brauchen junge Menschen (65 Jahre ist jung!), die Lust haben, die politischen Themen im Verein auszuweiten. Für die Stadtteile bei strittigen Themen zu kämpfen und das Sprachrohr der Bürger zu sein. Ja, es gibt inzwischen für jeden Pups eine Initiative, die sich viral rasend schnell ausbreitet, aber die analogen Herrschaften fühlen sich dadurch oft vernachlässigt. Das wird sich in der Zukunft zwar ändern, aber aktuell haben wir eine wilde Mischung aus digital und analog in unserem Verein. Dieser Übergang muss gemeistert werden.
Ich habe einmal in einem meiner ersten Interviews gesagt, als ich Vorsitzende wurde, dass ich uns eher als Club der Generationen sehe. Das ist genau das, was ich mir für diesen Verein gewünscht hatte und immer noch wünsche. Jung, mittelalt, alt - das passt doch herrlich zusammen!

Sie sind ja auch noch gar nicht so lange dabei. Warum sind Sie im BV aktiv geworden?
Im April werden es drei Jahre. Und ich hätte gern auch noch die eine oder andere Amtszeit rangehängt, aber es ist mir aus persönlichen Gründen nicht mehr möglich.
Ich bin dem BVFO beigetreten, weil ich Lust hatte, mich aktiv in diesen beiden Stadtteilen zu engagieren! Ich habe im Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit und Kommunales angefangen, was mir riesigen Spaß gemacht hat. So sprach mich dann der ehemalige 2. Vorsitzende an, ob ich nicht in den Vorstand kommen wolle, da Herr Walter als 1. Vorsitzender nicht mehr zur Verfügung stand. Ich muss sagen, dass mir nicht ganz bewusst war, auf was ich mich da einließ, aber ich habe trotz meiner vollen Berufstätigkeit eine Unmenge an Zeit und Energie investiert, weil ich an diesen Verein glaube!

Glauben Sie, dass die Menschen, die in Groß Flottbek oder Othmarschen wohnen, sich für den Stadtteil und ihre Nachbarn interessieren?
Uhhh, das ist schwer zu sagen. Manche sagen so, manche so. Jeder Verein in unserem Beritt klagt schon seit Jahren über Mitgliederschwund und Engagementmangel. Aber: Es gibt auch die Menschen, die sich interessieren und kümmern und die möchten wir gern für unseren Verein begeistern! Sie haben bei uns jede Möglichkeit, ihre Ideen zu verwirklichen, den Verein weiter zu entwickeln und zu formen.

Was würde passieren, wenn es überhaupt keine Bürgervereine mehr gäbe?
Das wäre sehr traurig, denn damit stirbt die Geschichte Hamburgs und eine wundervolle Tradition, die die Stadtteile Hamburgs geprägt hat.

Was finden Sie an Groß Flottbek bzw. Othmarschen am besten? Warum ist es hier lebenswert?
Wissen Sie, Othmarschen und Groß Flottbek sind als Stadtteile sehr verschieden. Und doch beide auf ihre Weise liebens- und lebenswert. Wenn du hier Freunde gefunden hast, dann hast du sie auf Lebenszeit. Egal, wie viele Jahre man sich nicht gesehen hat. Ich habe einen Groß Flottbeker geheiratet und bin immer wieder aufs Neue fasziniert, welches Netzwerk mein Mann hat, das in der Schulzeit und beim Sport geknüpft wurde.
Dann ist es natürlich auch die Lage an der Elbe und die vielen wunderschönen Parks, die wir in beiden Stadtteilen haben. Das ist wie Urlaub! Deswegen besuchen uns auch immer mehr Touristen. Du lebst in einer Großsstadt und trotzdem ist um dich herum alles grün! Diesen wunderschönen Vorteil haben allerdings auch andere Stadtteile in Hamburg.
Sicherlich hat das alles auch seinen Preis, keine Frage. Viele sehen die Bürger in Flottbek und Othmarschen als privilegiert. Die haben's ja. Aber täuschen Sie sich nicht, hier ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Sonst müsste unser Sozialwerk nicht jeden Monat Lebensmittelgutscheine an Bedürftige verteilen! Aber da ist sie wieder, diese Mischung. Eine Mischung, die perfekt in unseren Bürgerverein passt!

Was wünschen Sie dem Bürgerverein für das Jubiläumsjahr?
Dass er weiterlebt, wächst und gedeiht...

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