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Experiment: Schule wie vor 125 Jahren

»Beängstigende Macht«: Lehrer machten für einen Vormittag eine Zeitreise ins Jahr 1892.
»Beängstigende Macht«: Lehrer machten für einen Vormittag eine Zeitreise ins Jahr 1892. Foto: Krohn

Elbvororte (3. Februar 2017, Wolf Achim Wiegand) · Einmal Untertan sein. Dem Kaiser huldigen, dem Lehrer gehorchen, jederzeit manierlich sein. Wie sich das so anfühlt, das konnten vorige Woche Schüler und Lehrer des Gymnasiums Blankenese am eigenen Leibe erspüren. Denn für einen Tag ging es bei einer Unterrichtssimulation zurück in die Vergangenheit, in jene Zeit vor 125 Jahren, als die Schule gegründet wurde.  „Ich war erstaunt, wie schnell man den Drill verinnerlicht“, berichtet Jörn (17). Und Andrea (16) ergänzt: „Frauen waren zu Kaisers Zeiten irgendwie nur dafür da, mit 34 Jahren möglichst sieben Kinder zu haben.“ „Sogar die Fingernägel wurden bei Unterrichtsbeginn kontrolliert“, erzählt Lorenz (17), der eigens einen alten Anzug des Großvaters angezogen und sich mit Lederranzen auf den Schulweg gemacht hatte, so, wie es Schulleiterin Ingrid Herzberg in einem Rundschreiben für diesen einen Tag erbeten hatte: „Wir wollen uns so gut es geht verkleiden.

Passanten dürften jedenfalls nicht schlecht gestaunt haben, als sie die große Schar manierlich gekleideter Pennäler auf dem Pausenhof an der Kirschtenstraße sahen. Manche Mädchen in Schürzen, die heute selbst in der Küche kaum noch jemand trägt. Dazu Lehrer in streng geschnittenen Anzügen, die Lehrerinnen in Schwarz, einer mimte sogar den damals einflussreichen Blankeneser Probst Paulsen, stilecht im Hamburger Ornat mit weißer Halskrause („Mühlsteinkragen“), der damals verbindlichen Amtstracht für Pastoren.
An diesem besonderen Tag des Gymnasiums Blankenese beamten sich die Beteiligten aber nicht nur per Kostüm in das Ende des 19. Jahrhunderts, sondern auch im Unterricht - gestaltet wie damals. Auf dem Stundenplan stand „Leibliche Ertüchtigung“ ebenso, wie eine „Proklamation“ in der Aula. Und natürlich wurden Jungs und Mädchen getrennt – das Wort „Sexismus“ und den Begriff „Gendering“ für die Bestrebung, die Gleichstellung der Geschlechter zu sichern, kannte man 1892 noch nicht.
Am auffälligsten fand ich den Sportunterricht an diesem Tag,“ erinnert sich Jörn. „Während es bei den Mädchen wohl eher um Anmut ging, wurden wir Jungs wie beim Militär gedrillt, da hieß es Stillstehen und Marschieren – das fühle sich irgendwie so an, als ob die Männer nur Kanonenfutter für den Kaiser waren.
Kein falscher Eindruck, schrieb doch Wilhelm II. 1890, was er von der Schule erwartet: „Wir wollen nationale junge Deutsche erziehen.“ Mädchen wurden im damaligen Deutschland überhaupt erst 1908 zum Abitur und zum Studium zugelassen. Und bis zur 13. Klasse ließen nur wenige Eltern ihre Töchter auf der Schule – sie sollten möglichst rasch heiraten.
Strenge Sitten auch in den Blankeneser Klassenräumen. Wenn der Lehrer reinkam, mussten alle aufstehen und den Pauker im Chor begrüßen: „Guuuten Mooorgen, Herr Weeehner!“ Die Pädagogen hätten ihre Rolle an diesem Tag „krass durchgezogen“ so Schüler beeindruckt. Wichtigste Regeln: Aufstehen nur nach vorheriger Meldung mit der Hand, reden nur nach Aufforderung. Eine echte Konzentrationsübung für Jugendliche von heute.
Willentliche Fokussierung der Aufmerksamkeit benötigten die Blankeneser Jugendlichen schließlich bei einem „Denkaufsatz“. Thema: „Unser Kaiser, unser Vorbild“. Kaum denkbar, dass man 1892 nur einen einzigen Anflug von Kritik hätte äußern können. Zumal in jedem Klassenzimmer der ernst dreinblickende Kaiser Wilhelm II. von der Wand starrte – und nun auch Anno 2017 im Gymnasium Blankenese. Der Kaiser war übrigens am Gründungstag der Schule gerade vier Jahre in Amt und Würden.
Die Schüler von heute erkannten die Unterdrückung individueller Entwicklung und Kritik von damals sofort – und auch wenn die Trennung in Mädchen- und Jungenklassen bei einigen Schülerinnen und Schülern durchaus Anklang fand, war die Stimmung insgesamt gedrückt. „Es wirkte ein bisschen wie in einem Internierungslager, als die Lehrer mit ihren erhobenen Rohrstöcken neben den in der Aula versammelten Schülern entlang gingen“. Und auch die Lehrer befanden: „Es ist unheimlich, welche Macht Lehrer damals hatten…“.
Zu jener Zeit freilich galt das Gymnasium Blankenese als Ausgeburt der Moderne. Eine private Bürgerinitiative hatte sie gegründet, um der „höheren Jugend“ rund um den Süllberg bessere Bildungsbedingungen zu bieten. Blankenese war damals nämlich schon kein Fischer-, Lotsen- und Seeleutedorf mehr, sondern bereits ein beliebter Wohnort für bildungsbeflissene Bürger und Intellektuelle.
„Schuld“ daran war die 1867 eingerichtete Bahnverbindung von Blankenese in die damals selbständigen Städte Altona und Hamburg: Wer es sich leisten konnte, entfloh der „Hektik“ Hamburgs in die Vorstädte, weg von den Armen, die sich in engen Quartieren wie dem Gängeviertel drängten. Schnell wurde das idyllische Blankenese eine schicke Wohngegend für Intellektuelle, Künstler und Kaufleute. Diesen Aus- und Aufsteigern bot die dörfliche Schulstruktur nichts und so war es ein Kreis engagierter Eltern, der 1892 eine „Wissenschaftliche Oberschule“ ins Leben rief.
Auf das nunmehr 125. Jubiläumsjahr hat sich das Gymnasium Blankenese sorgfältig vorbereitet. So wird es in den kommenden Wochen und Monaten eine ganze Reihe schulinterner und öffentlicher Veranstaltungen geben. Am 10. Juni 2017 ist im historischen Ballsaal des Hotels Süllberg ein Jubiläumsball in festlicher Abendgarderobe mit der Ehemaligen- und Eltern-Bigband WestendJazz geplant (Karten nur unter www.gymnasium-blankenese.de/ball) und am 7. April findet um 18:30 Uhr in der Aula das große Ehemaligen-Treffen statt.
Der Tag der Vergangenheit war also der Anfang des Jubiläumsjahres. Er war sorgfältig von einer Lehrer-AG geplant worden. Unterstützung kam vom Hamburger Schulmuseum auf St. Pauli.
Natürlich war das nicht nur ein Fun-Tag, es steckte natürlich auch eine pädagogische Absicht dahinter. Laut Herzberg sollte der Generation Handy eine ungewöhnliche „Selbsterfahrung“ geboten werden: „Wie erlebe ich einen extrem autoritären Unterrichtsstil? Was macht er mit mir? Wie reagiere ich darauf?“ Um das aufzuarbeiten und zu reflektieren waren nach dem Unterricht auf alte Art zwei Schulstunden zur Reflexion des Erlebten angesetzt, um „die veränderten Lehrer- und Schülerrollen“ hinterfragen zu können.
Und was machte der spielerisch auf autoritär durchgezogene Kaisertag mit den Schülern? „Als wir beim Sportunterricht alle auf der Stelle marschieren mussten, klappte das nach einiger Zeit erschreckend gut“, erinnert sich Lorenz. Jörn ergänzt: „Als wir alle im Gleichschritt marschierten, fand ich’s gruselig – plötzlich tun alle etwas, was sie eigentlich gar nicht wollen.“ Eine Verhaltensweise, die sich nochmal bei der „Proklamation“ in der Aula einstellte: „Wir sangen eine Hymne auf den Kaiser, deren Text totaler Schwachsinn war, und doch entstand ein Gemeinschaftsgefühl.
Letztlich waren wohl alle Beteiligten ein bisschen froh, als der Schultag vorbei war. Hurrapatriotismus und Unterordnung haben sich nicht gut angefühlt, sagen Schüler. Zurück blieb bei Schülern wie Lehrern der gute Gedanke, „dass sich die Zeiten in Richtung Freiheit weiterentwickelt haben“. Jörn, Lorenz und Andrea wollen den Tag in der Zeitmaschine dennoch nicht missen: „Nun ist genug, aber es hat echt Spaß gemacht!

www.gymnasium-blankenese.de

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