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Flüchtlingsproblem »Langeweile«

Das DRK betreibt die Einrichtung im Ex-BAHR-Markt
Das DRK betreibt die Einrichtung im Ex-BAHR-Markt Foto: Markus Krohn

Sülldorf/Elbvororte (15.10.2015, Wolf Achim Wiegand) · Momentan hat man den Eindruck, in der Weltpolitik ändert sich jeden Tag die Lage. So auch beim derzeit kontroversesten Thema „Flüchtlinge“. So, wie anderswo, können die Behörden bei uns in den Elbvororten kaum mit den ständig sich ändernden Situationen fertig werden.

Nehmen wir die Notunterkunft in der Sporthalle auf dem Gelände der Baudissin-Kaserne in Osdorf. Noch in der vorigen Ausgabe hatte die DorfStadt-Zeitung berichtet, die dort beheimatete Führungsakademie der Bundeswehr (FüAk) habe sich darauf eingestellt, erst in der Adventszeit auf freigestelltem Areal neue Nachbarn zu begrüßen. Doch inzwischen haben sich die Ereignisse überschlagen: es leben bereits fast 200 Flüchtlinge am Rugenbarg.

Die Nutzung der Militär-Sporthalle kam quasi über Nacht. FüAk-Kommandeur Achim Lidsba hatte dem Innensenator und einstigen Zeitsoldaten Michael Neumann (SPD) nochmals Hilfe angeboten – und der schlug sofort ein. Und so wurde die Halle innerhalb weniger Stunden zu einem Lager mit der Minimalausstattung: Feldbetten, Decken, Essen, Sanitäranlagen. Selbst der Malteser Hilfsdienst als Betreiber der Notunterkunft erfuhr von seiner Aufgabe erst einen Tag vor der Ankunft der Menschen!

Wir konnten das allerdings relativ gut meistern, weil unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter darauf geeicht sind, in Katastrophensituationen quasi aus dem Stand heraus zu handeln“, berichtet Malteser-Sprecherin Stefani Langos. Und so kam alles in einer Nachtschicht blitzschnell nach Osdorf: fachkundige Experten, Laptops für die Registrierung, Küchenutensilien, Erste-Hilfe-Material, Stellwände für die Abtrennung der Schlafstellen.

Stadt ohne Privathilfe überfordert

Die nichtstaatliche Hilfsorganisation Malteser, die am Rugenbarg erstmals eine ganze Unterkunft betreibt, ist nur ein Glied in der Reihe unzähliger Freiwilliger, die den ächzenden Behörden unter die Arme greifen müssen. Längst ist offensichtlich, dass die Möglichkeiten der Stadt bei rund 30.000 Schutzsuchenden (darunter etwa 1.500 Kinder und Jugendliche ohne Eltern) überschritten sind. Zum Vergleich: Hamburg hatte im ganzen Jahr 2014 rund 6.000 Flüchtlinge in öffentlichen Unterkünften untergebracht.

Helfer klagen, in den behelfsmäßig aus dem Boden gestampften Wohnstätten komme es unter den Bewohnern immer öfter zu Konfrontationen. Das ist kein Wunder, da zur Verfügung stehende Hallen und Baumärkte anders als Container- oder Holzbauhäuser nur wenig Rückzugsmöglichkeiten bieten. „Massenschlägereien“, wie sie aus Harburg gemeldet werden, oder massive Flüchtlingsforderungen nach Umsiedelung, wie in Bergedorf, sind im Bezirk Altona noch nicht aufgetreten. Die Schlagzeilen verdecken leider, dass die meisten Schutzsuchenden ihr neues Leben kooperativ angehen.

Wahr ist allerdings, dass es vor allem für Frauen, Familien und Kinder ein Problem ist, längere Zeit mit Fremden, die ebenso wie man selbst Schreckliches durchlebt haben, in einer schmucklosen, lauten Halle zu leben. Für sie und für Traumatisierte gibt es keine ausreichend fachkundige Betreuung durch Psychologen, Psychotherapeuten oder Sozialarbeiter. Die zahlenmäßig wenigen Behördenmitarbeiter sind oft mit „Organisationskram“ so ausgelastet, dass Fürsorge für den Einzelnen zu kurz kommt.

Tapetenwechsel kann Wunder wirken

Besonders belastend ist für die Flüchtlinge, dass sie oft nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Da kommt schlicht „Langeweile“ auf, sagt Stefanie Langos. Laut Gesetz dürfen die Menschen ja nicht arbeiten, und wenn sie es noch so gerne täten. Deshalb bitten die Malteser in Osdorf ähnlich wie andere Betreiber dringend um „Zeit-Spenden“. Das heißt: private Angebote für ein „Tapetenwechselprogramm“ mit interessierten Flüchtlingen außerhalb ihrer tristen Zwangsabsteigen. Dort gibt es im Übrigen keine geeigneten Räume für ungestörte Stunden.

„Zeit spenden muss nichts Großartiges sein,“ so Langos. „Es hilft schon eine Stunde Deutschunterricht pro Woche, ein Kaffeetrinken in der Gemeinde, Gesprächsrunden, Sport- und Fitnesskurse, gemeinsames Laufen oder ein gelegentliches Programm für die Kinder.“ Das ist wichtig, weil die Wartezeit für die Menschen zum ersten Schritt im Asylverfahren, dem Umzug aus der Notunterkunft in eine Zentrale Erstaufnahme, oft quälend lang ist.

Damit gut gemeinte Angebote koordiniert werden können, haben die Malteser auf ihrer Website kurzgefasste Informationen bereitgestellt. Dort findet sich auch ein Link zu einem online ausfüllbaren Fragebogen, der spezielle Fähigkeiten erfasst.

Insgesamt ist festzuhalten: die Flüchtlingskrise hat uns in den Elbvororten längst erreicht. Es wird noch mehr Notunterkünfte und Aufnahmelager geben. Damit sind Spannungen programmiert. Damit diese aber möglichst klein und lösbar bleiben, müssen Politik und Behörden auf die Hilfe der „Zivilgesellschaft“ – also auf uns Bürger – zurückgreifen. Darin steckt eine Chance: die Fremden kommen mit ganz normalen Deutschen zusammen und schmoren nicht mehr so sehr im eigenen Saft – ein erster Schritt zur Integration.

Schon eine kleine Geste wie die Einrichtung einer Krabbelgruppe für Kleinkinder kann dazu beitragen, aus einem Problem eine lösbare Herausforderung zu machen. Was meinen SIE?

Ihre Meinung bitte via E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

1.    Sonder-Website der Stadt Hamburg: hamburg.de/hh-hilft
2.    Ehrenamt: Diakonie kennt den Bedarf unter 3 06 20-300
3.    Kleider- und Spielzeugspenden: viele Initiativen melden Annahmestopp. Wo dennoch gebraucht wird zeigt Kurzlink http://j.mp/1Me3YtW
4.    Gesprächsrunden auf Deutsch leiten – über Hamburg, Kultur oder Alltägliches? Siehe sprachbruecke-hamburg.de oder mailen an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
5.    „Runder Tisch Blankenese“ hat jahrelange Erfahrung, sucht ständig Mitwirkende für die Unterkunft Sieversstücken (Sülldorf): blankenese.de/runder-tisch.html
6.    Helfer gesucht für die Unterkünfte am Rugenbarg und in Lurup: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
7.    Auch in Othmarschen gibt es eine Willkommens-Initiative. Infos unter www.holmbrook.de
8.    Für die Zentrale Erstaufnahme am Rugenbarg 103 ist Sabine Schütt, DRK Altona-Mitte zuständig: 890 811 30
9.     Auch die Maria Magdalena Gemeinde engagiert sich (Rugenbarg-ZEA) Pastorin Ute Parra/Kirchenbüro: 8 31 50 85
10. Eine neue Initiative gründet sich am 14.10. in der St. Simeon Gemeinde Langeloh-/Dörfpfeldstraße: 80 12 05

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