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Der große DSZ Ranzen-Test

DSZ-Redakteurin Manuela Tanzen mit Grundschülern an der Schenefelder Landstraße beim Gewichte-Messen
DSZ-Redakteurin Manuela Tanzen mit Grundschülern an der Schenefelder Landstraße beim Gewichte-Messen Foto: Marcus Schmidt

Elbvororte (16.04.2015, Manuela Tanzen/Marcus Schmidt) · „Zwei Kilo“, „Zehn Kilogramm?“, „Bestimmt dreißig Kilo!“ – fragt man Eltern, wieviel der Schulranzen ihrer Sprösslinge wohl wiegen mag, gehen die Schätzungen erstaunlich weit auseinander. Ebenso wie die Meinungen der Experten: Warnen die einen vor ernsten Gesundheitsgefahren durch zu schwere Ranzen, sehen andere hierfür keine wissenschaftliche Begründung; im anderen Extrem ist sogar von einem Trainingseffekt für die Rumpfmuskulatur durch das Tragen schwerer Ranzen die Rede.

Was tragen die Kinder eigentlich auf ihren Rücken? Die DorfStadt-Zeitung machte den Ranzen-Check, mit Kofferwaage und Fotoapparat besuchten unsere Redakteure eine Grundschule und ein Gymnasium.

Der leichteste: 2,5 kg wiegt der Ranzen von Lilly, Zweitklässlerin an der Grundschule Schenefelder Landstraße. „Meine Mama sagt zwar manchmal, mein Ranzen ist zu schwer, aber das sieht nur so aus!“, bestätigt sie. Zeigt die Waage bei den Zweitklässlern bis zu 4 kg, geht es hier bei den Gymnasiasten erst los, die meisten Schultaschen liegen bei ca. 6 kg. Am schwersten hat Frederic zu schleppen, er ist Abiturient am Christianeum: Stolze 8,2 Kilo bringt sein Schulrucksack auf die Waage. Wiegen muss er ihn selber - die Redakteurin schafft es nicht, die schwergewichtige Tasche am ausgestreckten Arm mit der Handwaage lange genug hochzuhalten.

Für angehende Erstklässler und ihre Eltern ist die Anschaffung des ersten Schulranzens eine große Sache. Achten die Kinder genauestens auf Fußbälle, Einhörner, Piraten, passende Etuis oder Turnbeutel und ähnliche Design- und Ausstattungsdetails, plagen sich die Eltern mit anderen Fragen, es geht um Preis, Qualität, Ergonomie und Eigengewicht. Und damit zurück zum Thema: Was darf ein Schulranzen denn nun wiegen? Maximal 10 Prozent des Körpergewichts, so lautet eine Faustformel, die in diesem Zusammenhang immer wieder auftaucht. Festgehalten wurde dieser Wert erstmals in der DIN-Norm 58124 von 1986, der sogenannten Schulranzen-Norm. Eine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt es aber Experten zufolge nicht. Anscheinend stammt dieser Empfehlungswert aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und bezog sich darauf, wie schwer der Tornister eines Rekruten sein durfte, um auch lange Märsche ab 20 Kilometer ohne Ermüdungserscheinungen zu überstehen. „Diesen Wert auf Schulranzen und Schulwege anzuwenden, ist vollkommen absurd“, sagt Dr. Oliver Ludwig, Leiter einer Studie zum Thema. Forscher der University of California hingegen veröffentlichten vor einigen Jahren Ergebnisse, nach denen ein zu schwerer Schulranzen die Wirbelsäule von Kindern stark belaste. Schon ab einem Wert von ca. 20% des Körpergewichtes würden die Bandscheiben zusammengeschoben, es seien sogar Seit-Krümmungen der Wirbelsäule aufgetreten.

Die Wissenschaftler sind sich also uneinig. Was sagen denn die Schulen zum Thema?

Ortstermin im Christianeum. Schulleiterin Diana Amann zeigt Alternativen zum täglich Schleppen auf:

Was wird an Ihrer Schule un­ternommen, um den Kindern die Schlepperei zu erleichtern?

Wir haben in den Klassen­zimmern Spinde und versuchen den Schülern beizubringen, nur diejenigen Bü­cher mit nach Hause zu nehmen, die sie für die Hausaufgaben brauchen."

Was können Eltern tun?

"Eltern können ihren Kin­dern helfen, nur das Not­wendige für den jeweiligen Tag einzupacken, um schweres Gewicht zu vermeiden und ihnen Ruck­säcke besorgen, da­mit sie nicht einseitig tragen. Zudem sind unsere Schüler meist mit dem Fahrrad hier, so dass sie nicht weit schleppen müssen.

An den Grundschulen wird das Thema Schulranzen-Gewicht ebenfalls ernst genommen. Katharina Beeth-Heitsch, Schulleiterin Schule Iserbrook, erläutert: „Es gibt bei uns Aufräumzeiten für die eigenen Fächer im Regal, unter dem Tisch und auch für den Schulranzen. Jedes Kind hat sein Fach, in das es das Material tut, das nicht gebraucht wird: Mappen, Hefte, Bücher … Einige Kinder bekommen spezielle Aufräumunterstützung, sei es von der Lehrkraft, einem Mitschüler oder seinem Paten. Es gibt Kontakt zu einigen Eltern, teilweise wird dieses auch in den Lernentwicklungsgesprächen vereinbart, die speziell zusammen mit ihrem Kind die Aufgabe haben, darauf zu achten, dass der Ranzen und die Federtasche regelmäßig kontrolliert werden.

Auch Steffi Habersaat, Klassenlehrerin der 2a an der Schela, betont: „In der Grundschule bleiben die meisten Materialien in der Schule. Es werden keine Bücher verwendet, die Kinder brauchen nur das mitnehmen, was sie wirklich benötigen. Alle Mappen werden regelmäßig ausgeleert, das Material in Ordner umgeheftet, die in der Klasse verbleiben.“ Sie räumt ein: „Fertige Sachen werden nach Hause mitgegeben. Manche Kinder schleppen die dann aber wochenlang mit sich 'rum…

Melanie Schmidt, Mutter von zwei Grundschülern, bestätigt: „Mein Sohn ist einfach zu faul, den Ranzen durchzusortieren, deshalb ist der manchmal schwer.“ Eltern und Kinder sind also gefragt, den Ranzen im Blick zu behalten. Zweitklässlerin Sophia zum Thema: „Meine Mutter sagt manchmal, ich schleppe zu viel. Einmal haben wir ihn zusammen ausgeräumt. Danach war mein Ranzen federleicht!Johanna ergänzt: „Mein Bruder hat manchmal ganz viele Fußballbilder und dazu das Sammelheft im Ranzen, dann schimpft unsere Mama!“ Und Maya erzählt: „Einmal haben meine Mama und ich den gesamten Ranzen aufgeräumt. Da waren noch Gummibärchen drin. Die konnte ich aber nicht mehr essen, sie waren schon steinhart!“ „Manchmal sagt mein Papa, ich soll die Hefte nicht mitnehmen. Die Lehrerin hat aber gesagt, ich soll sie einpacken. Das ist schwierig, weil ich dann nicht weiß, auf wen ich hören soll!“, beschwert sich ein anderes Kind, erntet Zustimmung von den Mitschülern.

Peter Albrecht, Pressesprecher der Behörde für Schule und Berufsbildung, äußert sich auf Anfrage der DorfStadt-Zeitung entsprechend: „Mein Appell an alle Beteiligten, Eltern, Lehrer und Schüler: Immer genau gukken, was an diesem Tag wirklich gebraucht wird! Vernünftige Regelungen finden, Absprachen treffen, z. B. kann man sich ein Buch auch zu zweit teilen. Eltern können Lehrer ruhig mal ansprechen, wenn fehlende Bücher trotzdem beanstandet werden. Die Schulen sollten Lagerungsmöglichkeiten bieten.

Ein Beispiel für eine solche Regelung, die man sich auch gut merken kann, nennt Jessica Kautner, Sohn Marvin ist Erstklässler: „An ‚M-Tagen‘, also Montag und Mittwoch, braucht Marvin nur die Mathesachen, an den ‚D-Tagen‘ Dienstag und Donnerstag nur Deutsch. Dazu die Postmappe und Essen und Trinken.“ Schwieriger ist das bei ihrem großen Sohn Philip (13): „An manchen Tagen, wenn er viele Fächer hat, ist Philips Tasche extrem schwer. Die Schule versucht zwar auch, das zu regeln, das scheitert aber oft an der Umsetzung.

Stichwort Umsetzung: Solange die Wissenschaftler sich streiten, wie gesundheitsgefährdend Schulranzen nun sein mögen, gibt es doch einen ganz einfachen Weg, das Thema zu behandeln. „Eltern sollten ihre Kinder zwischendurch immer mal wieder fragen, ob der Schulranzen ihnen zu schwer ist“, empfiehlt Andreas Köpf, Physiotherapeut in Iserbrook. „Auch die Lehrer sollten ab und an mal eine Fragestunde bezüglich Rükkenschmerzen durchführen.

Er gibt Tipps zur Wahl des Ranzens, aber auch dazu, wie dieser getragen werden sollte. So dürfen die Rückengurte nicht zu lang eingestellt sein (Hohlkreuzgefahr), aber auch nicht zu fest, da sonst zu viel Druck auf den Schultern laste. Man solle vermeiden, dass der Schulranzen nur über eine Schulter getragen wird oder hin und her wackelt. Ergonomische Rückenpolster, verstellbare Schulterriemen, Brustgurt (um zusätzliches Gewicht von den Schulterblättern zu nehmen), eventuell sogar Beckengurte für eine optimale Gewichtsverteilung seien zu empfehlen.

Köpf: „Immer häufiger kommen Kinder mit Rückenschmerzen zu uns in die Praxis. Dabei ist der ein oder andere falsche Schulranzen oder falsch getragener Turnbeutel mit ausschlaggebend.“ MIT ausschlaggebend, wohlgemerkt. Denn, so wichtig und vieldiskutiert das Thema Schulranzen auch ist, die Faktoren, die zu Rückenbeschwerden bei Kindern und Erwachsenen führen können, sind vielschichtig. Bewegungsarmut, langes Sitzen in der Schule auf womöglich ergonomisch ungünstigen Schulmöbeln, dauergekrümmte Nacken über’m Handy-Game. Dazu Leistungsdruck und übervolle Terminkalender – es gibt noch viele Themen, die ebenfalls eine Rolle spielen mögen bei der Volkskrankheit „Ich hab Rücken“, an der schon Jugendliche leiden. Aber das ist Stoff für andere Artikel.

Links:

Kid-Check, Aktion gegen Haltungsschwäche: www.kidcheck.de

AGR, Aktion Gesunder Rücken e.V.: www.agr-ev.de

Tipps zum Thema Schulranzen: http://www.stepbystep-schulranzen.com

Huffington Post: http://www.huffingtonpost.de/2014/09/03/schulranzen-ruecken-schwer_n_5760008.html?

Der Spiegel: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/aechzende-schulkinder-was-darf-ein-ranzen-wiegen-a-579357.html

Zeitschrift „Eltern“: www.eltern.de/schulkind/grundschule/schulranzen-gewicht.html

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