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Kerstan setzt auf erneuerbare Energien

Umweltsenator Jens Kerstan von den Grünen
Umweltsenator Jens Kerstan von den Grünen Foto: BUE
Elbvororte (06. April 2017, Konrad Matzen) „Wirklich sicher sind nur die Erneuerbaren Energien!“ sagt der grüne Umweltsenator Jens Kerstan im Interview mit der Dorf Stadt-Zeitung. Und wagt sich mit seinem Energie-Projekt der Zukunft trotzdem auf unsicheres Terrain. Weil es innovativ ist. Und er damit neue, nicht erprobte Wege gehen will.
Wedeler und Rissener wird es erfreuen, denn Kerstan will die „Dreckschleuder“ Kraftwerk Wedel abschalten. Sobald wie möglich.
Noch gibt es keine Alternativen zu den fossilen Kraftwerken. Ein Gasturbinen-Kraftwerk wollte Vattenfall in Wedel bauen. Sehr zum Ärger der Nachbarn, die zusätzlichen Lärm befürchteten. Und auch Kerstan gibt zu: „Das ist schon eine Herausforderung“. Dennoch will er den Energie-Netzerückkauf in Hamburg nutzen, um der Energiewende einen großen Schub zu geben. Denn Hamburg wäre nicht nur innovativ, sondern auch Vorreiter in Sachen Energiespeicherung, wenn denn alles so funktioniert, wie Kerstan sich das vorstellt. Zudem wären nicht nur die nötigen Investitionen geringer als neue Heizkraftwerke zu bauen, auch die Versorgung mit der praktisch kostenlosen Abwärme wäre wirtschaftlicher.
Unterstützt wird er vom Hamburg-Institut, einem kleinen Thinktank in Sachen Ökoenergie mit Sitz in Bahrenfeld. Die Idee: Die vorhandenen Ressourcen nutzen und miteinander vernetzen. Dann könnte daraus die Energieversorgung der Zukunft werden. Und das soll so funktionieren:
Die Industrie in Hamburg produziert so viel Abwärme, dass davon locker alle Haushalte der Hansestadt mit Wärme versorgt werden könnten. Auch die hamburgeigenen Müllverbrennungsanlagen und ggf. zusätzliche Biogasanlagen könnten zur Wärmeversorgung beitragen. Das größte Problem ist die Speicherung der Wärme, denn was der Hamburger im Sommer kaum benötigt, ist im Winter zu wenig vorhanden. Die Revolution liegt tief unter Hamburg: Ein gigantischer Aquiferwärmespeicher. Aquifere sind wasserführende Schichten im Boden. Aus den oberen Lagen versorgt sich Hamburg mit Trinkwasser. Die tieferen Schichten liegen unter dicken Tonschichten vergraben. Weil sie Kontakt mit Salzstöcken haben, sind sie als Quellen für das Trinkwasser unbrauchbar. Aber man kann Wärme darin speichern! Dieser Speicher funktioniert bereits für  die Versorgung einzelner Haushalte. Die wasserführende Schicht wird durch mindestens zwei Brunnenbohrungen erschlossen. Durch den sogenannten „kalten“ Brunnen wird Wasser hochgepumpt und durch einen Solarkreislauf oder einen anderen Wärmeerzeuger erwärmt. Dann wird das erwärmte Wasser über die zweite Brunnenbohrung, den „warmen“ Brunnen wieder in den Untergrund eingeleitet. Zur Entladung wird warmes Wasser aus dem Speicher durch die warme Bohrung entnommen und dessen Wärme wird über einen Wärmeübertrager in den Verbraucherkreislauf übertragen.
Kerstan plant das jetzt im großen Stil für die gesamte Hansestadt. Wenn das funktioniert, gelingt die energetische Revolution an der Elbe. Allerdings ist dazu auch großer Mut vonnöten, denn in dieser Größenordnung gibt es noch kein vergleichbares Projekt. Jetzt sind erstmal die Planer am Zug.
Die DorfStadt-Zeitung sprach darüber mit Umweltsenator Jens Kerstan:

DorfStadt: Wie warm ist es bei Ihnen zu Hause? Und mit was für Wärmequellen heizen Sie persönlich?
Jens Kerstan: Ich fühle mich so bei 20 Grad am wohlsten. Den größten Teil des Tages verbringe ich aber im Büro und da freue ich mich, dass unser modernes Gebäude in Wil-helmsburg komplett mit Erd-wärme geheizt wird – zu 100 Prozent erneuerbar!

Sie sind, wie viele Hamburger, davon überzeugt, dass die städtischen Betriebe den Energie-wandel besser umsetzen können als die Energiekonzerne, die größtenteils immer noch die Hamburger versorgen. Was haben Sie bis jetzt erreicht?
Seit das Stromnetz wieder städtisch ist, hat unsere Netzgesellschaft ihre Investitionen deutlich hochgefahren. Unter anderem baut sie eine einheitliche Lade-Infrastruktur für die Elektroautos in Hamburg auf. Hamburg Energie hat seit der Gründung 2009 als städtisches Unternehmen mehr in die Er-zeugung Erneuerbarer Energie in Hamburg investiert als jeder andere Versorger. Kommunale Unternehmen haben eben ein anderes Geschäftsmodell: Im Vordergrund steht der nachhaltige Nutzen für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger. Darum verfolgen die Unter-nehmen eine sozialverträgliche Preispolitik, sie schaffen mit ihren Investitionen regionale Wertschöpfung und sie tragen mit ihren Gewinnen zum Haushalt der Stadt bei.

Wie viele Hamburger Haushalte werden denn jetzt schon mit Erneuerbarer Energie versorgt?
Weil jeder seinen Anbieter frei wählen kann, gibt es darüber keine Hamburger Statistik. Was wir aber wissen: Mehr als 100.000 Kundinnen und Kun-den bekommen von vom städtischen Versorger Hamburg Energie kohle- und atomfreien Ökostrom. Mir ist wichtig: Der Wechsel zu einem Ökostromanbieter ist einfach und ohne Risiko, jeder kann damit die Energiewende unterstützen und einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Sie setzen in Ihrem Energie-/ Wärmekonzept auf ein Netzwerk aus Energie-Erzeugern bzw. Abwärme-Erzeugern und einem riesigen Wärmespeicher. Die Kosten für Planung und Bau liegen wesentlich unter den Baukosten für ein neues konventionelles Kraftwerk am Standort Wedel. Die Technik dafür steht zur Verfügung. Warum fängt Hamburg erst jetzt damit an? Gibt es etwa doch einen Haken?
In der Tat wollen wir statt einer großen fossilen Anlage mehrere Module erneuerbarer und klimafreundlicher Energieerzeugung realisieren. In der Summe kommt dabei allerdings auch ein hoher Investitionsbedarf zusammen. Und auch wenn es die Techniken alle schon gibt: In dieser Größenordnung und in der Komplexität, die entsteht, wenn man das alles zusammenbindet, hat das bisher noch niemand gemacht. Das ist schon eine Herausforderung.

Wie sicher ist die Wärme-/ Energieversorgung der Zukunft?
Prinzipiell gilt: Wirklich sicher sind nur die Erneuerbaren Energien! Die Anfangsinvestitionen sind noch vergleichsweise hoch, aber Wind, Sonne oder Erdwärme sind gratis vorhanden und niemand kann ihnen den Hahn abdrehen. Darum ist die Energiewende auch im Interesse der Versorgungssicherheit und der Bezahlbarkeit der Energieversorgung ein Projekt von größter Bedeutung.

Zum Netzkauf gehört auch das veraltete Kohlekraftwerk in Wedel. Finden Sie es nicht auch ärgerlich, dass die Stadt für dieses Kraftwerk viel Geld ausgeben muss, obwohl es sehr bald obsolet wird? Wann wird das Kraftwerk in Wedel abgeschaltet? Was passiert mit dem Grundstück nach der Abschal-tung?
Ärgern hilft selten weiter. Die Verträge sind damals so geschlossen worden, wir schauen jetzt nach vorn. Am Ersatz für das Kohlekraftwerk in Wedel arbeiten wir mit Hochdruck, abhängig davon können wir zunächst die Einsatzzeiten von Wedel reduzieren und wollen das Kraftwerk so bald wie möglich ganz abschalten. Eine Idee ist, die Bauwerke, die bisher  für die Kraftwerkskühlung dienen, zu nutzen, um mit einer Wärmepumpe Wärme aus dem Elbwasser zu gewinnen. Ent-scheiden werden wir darüber erst im Rahmen des Gesamtkonzepts.

Wie wichtig sind private Initiativen wie die vom BVE-Blockheizkraftwerk?
Private und genossenschaftliche Initiativen waren sehr wichtig für die Energiewende und sie werden weiter wichtig sein. Die Energiewende ist ein gesellschaftliches Projekt, das nur gelingt, wenn viele Akteure dazu beitragen.

Und was raten Sie privaten Haushalten, die mit einer konventionellen Heizung ausgestattet sind?
Mieter haben bei der Wärmeversorgung keine Wahlmöglichkeit wie bei Strom oder Gas. Es kann sich aber lohnen, den Vermieter anzusprechen. Denn oft lassen sich schon durch die Optimierung des bestehenden Systems beachtliche Energie- und Kosteneinsparungen erzielen. Eigentümer sollten sich von unserer städtischen Investitions- und Förderbank über Fördermöglichkeiten beraten lassen. Spätestens dann, wenn Komponenten der Haustechnik ausgetauscht werden müssen oder andere Sanierungsarbeiten anstehen, sollten die Vermieter auch an die Energieeffizienz denken.

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