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Gute Häuser, schlechte Häuser

Mehrere Villen in Othmarschen
Mehrere Villen in Othmarschen Foto: Krohn
Elbvororte (3. Februar 2017, Konrad Matzen) · Wer entscheidet eigentlich über guten Geschmack? Da wird sicher jeder seine eigene Meinung drüber haben. Und daran scheiden sich derzeit mal wieder die Geister in Verwaltung, Politik und Gesellschaft in den Elbvororten. Kann und soll ein einzigartiges kulturhistorisches Erbe der Architektur und Landschaftsarchitektur in den Elbvororten erhalten werden? Oder müssen es Traditionalisten aushalten, wenn moderne Menschen andere Vorstellungen vom Wohnen haben als ihre Vorfahren vor 100 Jahren?

Es gibt wohl kaum jemanden, der die Architektur im 19. und angehenden 20. Jahrhundert als hässlich empfindet. Und gerade zu dieser Zeit sind entlang der Elbchaussee und in den nördlichen Stadtteilen davon viele Villen entstanden, von denen einige nach hundert bis hundertfünfzig Jahren  inzwischen baufällig geworden sind, abgerissen und durch moderne kubistische Neubauten ersetzt werden. Das bringt konservative Nachbarn auf die Palme und Politiker in Bedrängnis, weil sie zwischen den unterschiedlichen Interessen vermitteln müssen, denn viele der geltenden Bebauungspläne sind schon über 50 Jahre alt und somit in aktuellen Gerichtsverfahren nicht mehr rechtssicher.
Auf Antrag der FDP diskutierten letzte Woche die Bezirksfraktionen in der Bezirksversammlung in der „Aktuellen Stunde“ das Thema unter dem Titel „Zwischen sozialer Abschottung und staatlicher Siedlungspolitik – wohin will die Stadtentwicklung in Altona?“ über die gespaltene Stadtentwicklung.
In Othmarschen gab es noch vor 2011 ca. 6.300 Wohnungen überwiegend in Einzelhausbebauung. Seitdem sind in fünf Jahren über 2.000 Wohnungen allein im Geschosswohnungsbau mit bis zu 7 Stockwerken entstanden. Wenigstens 2.000 weitere werden noch bis Ende 2020 folgen. Das bedeutet allein für diesen Stadtteil ein Bevölkerungswachstum von deutlich über 50 Prozent in 10 Jahren. Es bedeutet natürlich auch eine weitgehende soziale Veränderung. Große Teile der neuen Wohnungen werden im Sozialen Wohnungsbau erstellt, den gab es im Stadtteil bisher nicht. Othmarschen ist nur ein Beispiel. Für Rissen oder West-Bahrenfeld sieht das ähnlich aus. Die FDP wollte von den anderen Parteien wissen: Ist das Zufall oder Absicht? Sollen hier ganz bestimmte Strukturen zerschlagen werden? Will man den „Reichen“ (Othmarschen ist bisher einer der vermögenden Stadtteile in Hamburg) mal das wahre Leben zeigen?
Und die FDP? Dazu Lorenz Flemming, stadtpolitischer Sprecher der FDP Fraktion Altona: „Wir würden gern alle Stadtgebiete mit den Bürgern gemeinsam entsprechend den anstehenden Anforderungen weiterentwickeln. Es sollte weder Ponyhöfe noch „Siedler“-mentalität in Altona geben“.
Sicher ist eines: Viele Bebauungspläne sind nicht mehr zeitgemäß, die Anforderungen an den modernen Wohnungsbau haben sich erheblich verändert. Wer als Bauherr heutzutage die energetischen Vorgaben und die gestiegenen Anforderungen an Raumgrößen und Komfort wirtschaftlich darstellen will, muss an die Grenzen des Machbaren gehen. Auch die nachhaltig niedrigen Zinsen und hohen Grundstücks- bzw. Baupreise tragen dazu bei, dass sich die Ansprüche an moderne Architektur verändert haben. Nicht zuletzt spielt bei der Investitionsentscheidung die globalisierte Lebenswirklichkeit eine Rolle, denn anders als noch vor 100 Jahren wechseln Immobilien heute häufiger den Besitzer. Kinder, die ihr Elternhaus erben, haben häufig schon selbst gebaut oder sind weit davon entfernt beruflich engagiert und verkaufen die Immobilie lieber als sie selbst zu nutzen. Das führt dazu, dass die neuen Besitzer auf dem ohnehin engen Immobilienmarkt möglichst doch noch ihre Vorstellungen weitgehendst umsetzen wollen und das auch in den von den Behörden modern ausgelegten Bebauungsplänen tun. Höchstrichterliche Entscheidungen unterstützen die Bauherren dabei.
Allerdings gibt es auch immer wieder Bestrebungen sowohl aufseiten der Politik als auch von Anwohnerinitiativen und dem Denkmalschutzamt, Architektur in den Elbvororten zu erhalten. Häufig auch erfolgreich. Dazu gehören auch so genannte Soziale Erhaltungsverordnungen, die den Bestand sichern sollen. Allerdings haben die Behörden auch hier gewisse Gestaltungsspielräume, die gerichtlich schwer anfechtbar sind.
Dass die historisch gewachsene Villenstruktur der Elbvororte weitgehend erhalten bleiben soll, ist die einhellige Meinung der Bezirkspolitik. Deshalb wurde der detaillierte Alternativantrag der CDU-Bezirksfraktion zur Aufstellung moderner Bebauungspläne zur Diskussion in den Planungsausschuss überwiesen. Allein die Vorstellung über die Weiterentwicklung in den Quartieren wird von den Parteien unterschiedlich gesehen. Wolfgang Kaeser, Nienstedtener Urgestein der SPD (30 Jahre in der Bezirkspolitik), sagt zum Beispiel: „Wir stehen natürlich auch dazu, den Charakter des Villengebietes zu erhalten, wollen aber auch vernünftige Veränderungen zulassen!“ Die „Zwei-Wohnungsklausel“ sei zum Beispiel nicht dauerhaft zu erhalten. Und er weist nachdrücklich darauf hin, dass es Aufgabe der Politik sei, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren – schon aus Gerechtigkeitsgründen: „Wenn wir den Menschen in den innerstädtischen Stadtteilen eine Verdichtung zumuten, muss das auch für die Elbvororte gelten…Gesche Boehlich, Fraktionsvorsitzende der Bezirks-GRÜNEN betonte gegenüber der DorfStadt-Redaktion, es gebe zahlreiche Befreiungsanträge, denen nicht stattgegeben werde, aber: "Wenn die Vorstellungen in die Nachbarschaft passen, sollte man den Anträgen auch statt geben", meint sie. Die Parteienvertreter betonen aber auch, dass die Befreiungen nur im Rahmen gesetzlicher Vorgaben und mit erforderlichem Feingefühl erfolgen. Das dürfte die Kritikern anders sehen...


Wer sich in diesen Tagen auf den Weg durch die Elbvororte entlang der Elbe begibt, bekommt im Übrigen selbst ein Bild von den Veränderungen der Architektur. Auffällig sind die vielen Villen aus Historismus und Jugendstil, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in Groß Flottbek, Nienstedten und Othmarschen sowie Blankenese und in Rissen entstanden sind. Viele der ehemals herrschaftlichen Häuser stehen auf Grundstücken, die mehrere tausend Quadratmeter umfassen. Vor allem in Hochkamp und Dockenhuden gibt es zahlreiche Villen, die von großzügigen Parks umgeben sind. Wer mit der S-Bahn durch die Elbvororte fährt, kann vor allem im Winter in die großen Gärten mit ihren Pools und Tennisplätzen sehen.
Dazwischen gibt es immer wieder Häuser, die erst nach dem zweiten Weltkrieg entstanden sind. Glasbausteine aus den Fünfziger und Sechziger Jahren sind zu erkennen, Flachdächer und neuerdings „Schießscharten“- und bodentiefe Fenster mit verputzten Wänden. Nach diesem zwischenzeitlichen Fassadentrend geht der Bauherrenwunsch aber zunehmend wieder in Richtung Verblendstein, der auch vom Hamburger Chefplaner Jörn Walter favorisiert wird, weil er traditionell Hamburgisch ist.
Doch diese Nachweltkriegs-Bauten muss man tatsächlich suchen. Somit kann der objektive Besucher der Elbvororte immer noch eine der größten Villengebiete Europas bestaunen und gleichzeitig einen langsamen Wandel der Architektur beobachten. Was davon gut oder schlecht, schön oder hässlich ist, bleibt der persönlichen Meinung des Beobachters selbst überlassen.

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