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Am Auto leiden oder das Auto leiten

Der Lessingtunnel in Ottensen ist derzeit eine riesige Sanierungsbaustelle
Der Lessingtunnel in Ottensen ist derzeit eine riesige Sanierungsbaustelle Foto: Wolf Achim Wiegand
Elbvororte (8. Februar 2017, Wolf Achim Wiegand) · Wenige Themen haben in der städtischen Politik einen so großen Aufregefaktor wie der Umgang mit dem Auto. Für die einen ist das Kfz ein schadstoffauspuffendes Blechungeheuer. Für die Anderen ist es der Inbegriff individueller Freiheit. DorfStadt zeigt an ausgewählten Beispielen, wo es im Bezirk Altona verkehrspolitisch hakt.
Es ist schon eine gewaltige Zahl an Autos, die täglich den Lessingtunnel in Ottensen durchfahren. Laut Behördenzählung queren die Unterführung am Altonaer Bahnhof von morgens bis abends rund 23.000 Fahrzeuge. Darüber rattern auf 12 Bahngleisen minütlich S-Bahnen, Regionalzüge und ICEs.
Derzeit ist der 108 Jahre alte Lessingtunnel für Kfz gesperrt. Der Grund: die schmuddelig gewordene Röhre, von der häufig Wasser die Wände herableckt, muss von Grund auf saniert werden. Selbst die Siele werden runderneuert. Die Tunnelsperrung wird noch mindestens ein Jahr bestehen bleiben, sagt die Baubehörde. Danach soll eine breitere Straße weniger Reibungen zwischen Rad- und Autofahrern erzeugen und den Verkehrsfluss verbessern. Das ist auch nötig, ist doch der Lessingtunnel ein regelrechtes Nadelöhr zwischen Altona und den Elbvororten.
Als das Bauwerk vor 108 Jahren gebaut wurde, konnte niemand ahnen, dass hier einmal so viele motorisierte Karossen durchpreschen würden. Es ist ein Paradebeispiel dafür, vor welchen Herausforderungen städtische Verkehrspolitik heute steht. Denn der öffentliche Raum, den die unterschiedlichen Verkehrsträger nutzen, wird nicht größer. Zugleich aber steigt die Zahl der Verkehrsteilnehmer, wie amtliche Zahlen eindrucksvoll belegen:
  • In den 50er Jahren erwarteten Verkehrsplaner 800 Fahrzeuge pro Stunde und Fahrstreifen in der Stadt – heute sausen bis zu 2.200 Autos pro Stunde hindurch.
  • Vor acht Jahren gab es in Hamburg etwa 710.000 Autos – heute sind es 50.000 mehr.
  • Noch 2009 kamen nur 402 Fahrzeuge auf 1000 Einwohner – heute fahren 432 von 1000 Hamburgern einen eigenen Wagen.
Haben Politik und Behörden darauf durchschlagende Antworten? Das kann man bisweilen bezweifeln. Zu oft wirkt Verkehrspolitik wie Flickschusterei. Hier ein paar Parkuhren mehr, dort auf Parkscheiben setzen, anderswo einen Radfahrweg auf die Straße verlagern… ein großer Wurf sind diese Einzelmaßnahmen nicht.

Warten auf die U-Bahn

Unterdessen gibt es für viele Hamburger gute Gründe, ein Auto ihr Eigen zu nennen. Etwa, weil man gebrechlich ist und nicht mehr gut zu Fuß ist. Oder weil man kleine Kinder hat, die zum Kindergarten oder in die Kita gebracht werden müssen. Oder einfach nur, weil man es im Auto sitzend selbst im Stau gemütlicher hat, als stehend in einem überfüllten Bus der einer S-Bahn.
Ein weiterer Grund, sich ein eigenes Auto anzuschaffen, kann schlicht die schlechte Anbindung an attraktiven öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) sein. Darüber klagen seit Jahrzehnten die rund 50.000 Luruper und Osdorfer. Manche dort lebende Erwachsene waren noch Kinder, als ihnen ein U-Bahnanschluss versprochen worden ist.
Nun ist das Thema U5 wieder auf der Agenda. Und zwar endlich lösungsorientiert. Denn die Hochbahn hat den endgültigen Streckenverlauf für das erste Teilstück der geplanten U5 festgelegt: aus dem Hamburger Osten kommend soll die 28 km lange Strecke nach Lurup und von dort zum Osdorfer Born führen. Auch die Bahrenfelder Arenen im Volkspark sollen an die U5 angeschlossen werden.
Das Jahrhundertprojekt birgt zwei kleine Sensationen. Erstens, die U5 soll laut Behördenangaben in Stoßzeiten im 90-Sekunden-Takt laufen – ein so in Hamburg nie zuvor gesehenes Abfolgetempo. Und zweitens, die Züge werden vollautomatisch gesteuert. „Baubeginn soll 2021 sein, die ersten Züge könnten 2026 rollen“, sagt die Stadt. Die U5 wird das größte Bauvorhaben Hamburgs in den nächsten Jahrzehnten sein und soll mehrere Milliarden Euro kosten.

Kunden wollen parken können

In Blankenese versucht die Politik unterdessen, den zu Einkaufszeiten im Ortskern dichten Autostrom über die sogenannte Parkraumbewirtschaftung in geordnete Bahnen zu lenken. Das heißt: Parken kostet Geld. Die Tickets dafür sind aus Automaten zu haben, Kontrolleure laufen Streife und schreiben gnadenlos Bußgeldbescheide. Damit reagierte die Politik auf jahrelange Klagen des Blankeneser Einzelhandels über zu wenig Abstellplätze für motorisierte Kunden, verursacht durch Dauerparker auf kostenlosen Parkbuchten und Seitenstreifen. Der andauernde „Suchverkehr“ mit einhergehender Luftverpestung und Staus habe „zum Abwandern in stressfreiere Zonen wie das Elbe-Einkaufszentrum (EEZ) oder rund um Famila in Wedel geführt“, klagte ein Modehändler aus der Blankeneser Bahnhofstraße.
Das in Blankenese durch kommunale Bürgerbeteiligung einvernehmlich gefundene Konzept, das zunächst tatsächlich zu mehr freien Parkplätzen geführt hat, droht nun wenige Wochen nach der Einführung wieder aus den Fugen zu geraten – wegen der Preispolitik des rotgrünen Senats. Betrug die im Stadtteil abgesprochene Summe für einen Parkplatz nämlich zunächst moderate 1,20 Euro pro Stunde, kassiert die Stadt seit Neujahr laut stadtweiter Senatsvorgabe zwei Euro ab – ein Plus von satten 66 Prozent.
Eine solche unangekündigte Gebührenerhöhung, bereits zwei Monate nach Einführung der Parkraumbewirtschaftung, hinterlässt bei allen engagierten Kräften den Eindruck einer bewussten Täuschung“, heißt es in einer Erklärung der Blankeneser Geschäftswelt.
Auch Anwohner in dem Viertel rund um den Blankeneser Marktplatz murren. Der jahrzehntelang gewohnte Gratis-Parkplatz vor der Haustür ist für sie – zumindest tagsüber - futsch. Deshalb knubbeln sich private Kfz nun in Nebenstraßen. Ärgerlich für die Betroffenen, aber kein Grund zum Aufregen, meint Eva Botzenhart, die verkehrspolitische Sprecherin der GRÜNE-Fraktion Altona auf Dorfstadt-Anfrage: „Es gibt den weit verbreiteten Irrtum, dass ein Autobesitzer Anspruch auf einen kostenlosen Parkplatz im öffentlichen Raum hat.“ Hat er nicht.
Hätte man in Blankenese kein „Bewohnerparken“ einführen können, so, wie am Großneumarkt und im Kontorhausviertel (beide Bezirk Mitte) sowie in vier anderen Gebieten Hamburgs? „Jein“ sagt die verkehrspolitische Sprecherin der Altonaer SPD-Fraktion, Ute Naujokat. Bewohnerparken sei „nur sinnvoll bei Bürgerbeteiligung, echtem Parkdruck und einer gewissen Größe des Gebietes.“ Botzenhart zieht den Bogen etwas weiter: „Bewohnerparken funktioniert hervorragend in vielen Städten, nur in Altona scheint es nicht zu klappen!

Eigenes Auto, ein Luxusgut?

Das könnte auch daran liegen, dass die Bezirksbehörden in Altona gebrannte Kinder sind, was das kostenfreie Parken für Bewohner angeht. Im Jahre 2014 gab es nämlich schon mal so eine Zone, und zwar in der Gegend Große Bergstraße / Max-Brauer-Allee. Doch sie hielt nur ganze vier Monate und wurde eingestellt, weil sich erwarteter Parkdruck durch das neue Ikea-Kaufhaus nicht wie befürchtet eingestellt hatte – die Blechkarawanen von Kunden aus Nah und Fern blieben aus und die Anwohner konnten parken, wie zuvor.
Doch wie bekommt man Bürger dazu, auf ihr Auto zu verzichten? Antworten darauf will das Pilotprojekt „firstmover.hamburg“ in Ottensen geben. Mittels Befragungen wollen die Initiatoren erfahren, ob und welche Mobilitäts-Gemeinschaftslösungen denkbar sind. Hamburgs Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof (SPD): „Wir wollen herausfinden, ob Einwohner auf’s eigene Auto verzichten, wenn ein gemeinsam nutzbares Auto im Wohnumfeld bereitsteht.
Denkbar sei AutoSharing, bei dem Pkws – wie beim öffentlichen StadtRad – im Viertel zur sofortigen Nutzung bereitstehen. Vor allem jüngere Menschen können sich dafür begeistern – Ältere vielleicht auch? Schön und gut, sagt FDP-Verkehrspolitiker Wieland Schinnenburg zu dem Projekt, moniert aber, dass von den rund 15.000 Quartierseinwohnern nur 300 Menschen befragt werden.
Sei es, wie es sei: 2017 steht die Verkehrspolitik im Bezirk Altona weiterhin vor großen Herausforderungen. Für die Grünen hat dabei „der Ausbau der Velo- und Bezirksrouten oberste Priorität“, sagt Botzenhart und nennt ein konkretes Projekt: „Der Lückenschluss des Elberadwanderwegs auf Höhe Övelgönne.“ Für die SPD ist „die Bahnanbindung an den Osdorfer Born, möglichst über Bahrenfeld“ ihr nächstes wichtiges Verkehrsprojekt. Vielleicht löst sich manches Problem dann, wenn überall per Smartphone herbeirufbare selbstfahrende Autos umherrollen… Zukunftsmusik?

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